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Über die Kultur-Revolution des Rock'n'Roll

Von der Beat Generation bis zum Punk

 

  

Gedanken und Erinnerungen zum Thema
50 Jahre 1968 – Protest, Pop, Provokation,
im Auftrag der Berliner Geschichtswerkstatt e.V.

 

Ein Essay von Kai Sichtermann

 

 

Prolog

Zwei Kriege wüteten auf unserem Planeten in die fast alle Länder involviert waren, direkt oder indirekt. Mehr als 70 Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Das war so, als würden die Bewohner mehrerer Millionenstädte ausgelöscht. New York, Kairo, London, Madrid, Paris und Berlin, alle menschenleer, mit Toten übersät. Dazu die körperlichen Verletzungen und mentalen Traumata der Überlebenden. Gab es jemals zuvor so viel entsetzliches Leid und Elend in so kurzer Zeit in unserer zivilisierten Welt?

    Von 1914 bis '18 tobte der Erste Weltkrieg. Stirb den Heldentod fürs Vaterland! Mit dieser zynischen Parole versuchten die Kriegstreiber ihr Handeln zu rechtfertigen. Zum Glück gab es damals auch Menschen – wenn auch viel zu wenige – die diesen Wahnsinn nicht mitmachen wollten. 1916 trafen sich in der neutralen Schweiz die Dadaisten, um auf ihre provokante Weise gegen das Blutvergießen zu protestieren. „Totentanz“, das Gedicht von Dada-Mitbegründer Hugo Ball, das auch vertont wurde, zeugt davon: Tod ist unser Zeichen und Losungswort. Kind und Weib verlassen wir: Was gehen sie uns an! Wenn man sich auf uns nur verlassen kann!

    Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, gab es im musikalischen Kulturbetrieb drei Ereignisse, die Kultstatus erlangten, alle drei im Jahre 1928. Im Juni nahm der legendäre Jazz-Trompeter Louis Armstrong mit seinen Hot Five in Chicago den richtungsweisenden „West End Blues“ auf; im August wurde im Berliner Theater am Schiffsbauerdamm Bertolt Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper“ uraufgeführt, in dem die Unterwelt den Raubtier-Kapitalismus spiegelt; und im November, im Zuge des Impressionismus, sah und hörte in Paris ein geschocktes Publikum das Ballet „Boléro“ von Maurice Ravel, erotische Bewegungen einer Tänzerin zu einer hypnotischen Musik, die ihresgleichen sucht.

    Nur ein Jahr später veröffentlichte Erich Maria Remarque seinen Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“. Das Buch wurde ein Weltbestseller und auch die Dadaisten waren länderübergreifend erfolgreich. Aber die Nationalsozialisten waren stärker. 1933 kam Hitler an die Macht. Der Überfall auf Polen '39 stürzte die Welt in den zweiten großen Krieg. Charlie Chaplins satirischer Film „Der große Diktator“, der '40 seine Uraufführung hatte, war und ist bis heute die großartigste Entlarvung eines sogenannten Führers. 1945 lag halb Europa in Schutt und Asche. Viele Väter waren in Kriegsgefangenschaft oder sie lebten nicht mehr. Einen großen Anteil beim Wiederaufbau der Städte hatten die 'Trümmer'-Frauen. Für ihre Kinder hatten sie deshalb wenig Zeit; sich selbst überlassen wurden sie unangepasst und aufmüpfig, nicht nur in Europa. Das Bewusstsein vieler junger Menschen veränderte sich.

    Das betraf besonders die Boheme- und Subkultur-Szenen in den USA und Frankreich während der zweiten Hälfte der 1940er Jahre. Im New Yorker Bezirk Manhattan stießen Schriftsteller und Dichter wie William Burroughs, Jack Kerouac und Allen Ginsberg als Beat Generation auf schwarze Jazz-Musiker wie Dizzy Gillespie, Charlie 'Bird' Parker und Thelonius Monk. Sie alle reflektierten den Zeitgeist. Das Ergebnis waren Bücher wie Naked Lunch“, „On the Road - Unterwegs“ oder „Das Geheul“, sowie eine neue Form des Jazz – der virtuose und aufwühlende Bebop.

    Zeitgleich trat im Pariser Künstlerviertel Saint Germain de Près eine unkonventionelle Lebenseinstellung in Erscheinung, ausschweifend, leicht melancholisch: der Existentialismus – Die Welt an sich ist absurd. Der Philosoph Jean-Paul Sartre, einer der Köpfe dieser Bewegung postulierte: Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein“. Die Existenzialisten jener Tage waren hauptsächlich kritische Intellektuelle, trugen bevorzugt schwarze Kleidung und Rollkragenpulover, tranken Rotwein und verkehrten in verrauchten Kellerlokalen, in denen natürlich auch Musik gespielt wurde. Ihr Existenzialisten-Frühstück am Mittag bestand aus einer Tasse schwarzem Kaffee und einer filterlosen Gauloises-Zigarette – manchmal auch ein Croissant. Juliette Gréco, Chansonsängerin und Muse der Existenzialisten, hat über diese Bewegung mal gesagt, sie „steht für Freiheit und Verantwortung. Außer den französischen Chansons, wie sie von Juliette Gréco und anderen gesungen wurden, gehörte natürlich die Jazzmusik dazu, besonders der Cool Jazz wie Miles Davis oder Gerry Mulligan in spielten. Interessanterweise gab es eine Vereinigung der beiden Musikrichtungen, Chanson und Jazz, in Form eines Liebespaares: Juliette Gréco, die 'Schwarze Rose von St. Germain' und Miles Davis, zu jener Zeit der 'coolste Mann der Welt', lernten sich 1949 in Paris kennen und lieben.

    Wir schreiben das Jahr 1953 mit zwei historischen Ereignissen: Im geistigen Klima der Existenzialisten wurde in der Seine-Metropole das absurde Theaterstück „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett zum ersten Mal aufgeführt. Doch Godot kommt nicht. Ist Warten sinnlos? Nichts tun... – In den USA erschien Wilhelm Reichs Werk „The Murder of Christ“. Misha Schoeneberg schrieb dazu in seinem deutschen Rock'n'Roll-Märchen „Als Wir das Wunder waren“: „Die Ermordung alles Lebendigen durch das gepanzerte Menschentier, das ist Reichs Thema, es geschehe tagtäglich, seit Generationen. Schuld sei die Angst vor Liebe und Zärtlichkeit, welche die Kinder von ihren Eltern eingebläut bekämen und diese dann bewusst oder unbewusst an die nächste Generation weitergäben. Das sei die tatsächliche 'Erbsünde', sagt Wilhelm Reich. Reich nennt sie die 'Emotionale Pest'. Anstatt Bestätigung in der Liebe zu erfahren, lernen wir persönliche Gier. Das schlägt sich nieder in seelischer wie körperlicher Verspannung. Am Ende steckt ein jeder in einer Panzerung, so als wäre er lebendig eingemauert.“

    In diesem Sinne sind die berühmten Hollywood-Dramen zu verstehen, in denen Marlon Brando („Der Wilde“, '53) und James Dean („...denn sie wissen nicht was sie tun“, '55) protestierende Jugendliche spielen, die sich unverstanden fühlen und so zu der von der Nachkriegsentwicklung enttäuschten Lost Generation wurden; das Wort der 'Halbstarken' macht in Deutschland die Runde. „Die Isolation des Individuums in der modernen Gesellschaft“ (Mike Evens) ist ein gemeinsames Thema dieser Unzufriedenen.

 

Interlog

Unterprivilegierte, Minderheiten wie die Schwarzen, die Rebellen und Unangepassten hörten nach dem Krieg Bebop-Jazz, Blues, Folk (z.B. „This Land Is Your Land“ von Woody Guthrie, '40) oder Rhythm & Blues-Songs à la Louis Jordan („Caldonia“, '45). Ike Tuner und Jackie Brenston and his Delta Cats nahmen '51 den Rhythm & Blues-Song „Rocket 88“ auf, für Fachleute der erste 'richtige' Rock’n’Roll-Song. Dann folgte der April 1954: Bill Haley & his Comets gehen in New York ins Studio und covern von Sonny Dae & his Knights den Song Rock Around the Clock. One, two, three oclock, four oclock, rock! Ein Jahr später hatte der Regisseur Richard Brooks die Idee, den Titel am Anfang und Ende des US-amerikanischen Films „Die Saat der Gewalt“ einzuspielen. Rock Around the Clock“ wird bekannt und zum internationalen Superhit. Aus Rhythm & Blues wird Rock'n'Roll. Musik mit Strom-Gitarren und Schlagzeug als Grundlage. Ein Weltphänomen ist geborgen! Ein neues Lebensgefühl! Amerikanische Lässigkeit mit Blue-Jeans, Kaugummi und Coca-Cola, das Gegenteil von Strammstehen in Uniform. Cool! Begeisterung! Eine neue Form der Ekstase! Der Protest der Nachkriegsjugend gegen bürgerliche Zwänge und Normen findet in dieser Musik ihren Ausdruck. We're gonna rock around the clock tonight! – Wir werden die ganze Nacht durchrocken!

    Nach dem Erfolg von Rock Around the Clock war es vor allem ein schwarzer Musiker, der wie kaum ein anderer neue aktuelle Rock-Klassiker schrieb. Chuck Berry, Komponist, Texter, Sänger und Gitarrist. In „Roll Over Beethoven“, 1956 als Single veröffentlicht, sang Berry wie sehr er auf RockʻnʼRoll-Musik abfährt, und dass die klassische Musik wie Beethoven davon überrollt wird. In „School Days“ ('57) forderte er erlöse mich von den alten Zeiten und in „Too Much Monkey Business“ ('56) machte er sich Gedanken über das Gemeinwohl. Noch Jahrzehnte später coverten alle großen Rock-Veteranen Berry-Songs.

    Einer von ihnen war der ehemaliger Lkw-Fahrer Elvis Presley – später mit dem Titel 'King of Rock'n'Roll' geehrt. 'Elvis the Pelvis' war nicht nur ein exzellenter Sänger und guter Rhythmusgitarrist, sondern auch anti-spießig und unangepasst. Elvis war ein Rebell. Als Weißer verband er die schwarzen Musikstile – die Roots des Rock'n'Roll – wie Blues und Rhythm & Blues, mit weißen Country-&-Western-Elementen und unterstützte die Aufweichung der Rassentrennung, indem er Songs schwarzer Künstler sang, was damals ein Skandal war. „Heartbreak Hotel“, „Hound Dog“ und „Jailhouse Rock“, waren drei seiner Mega-Hits 1956/'57. Der britische Journalist Ray Connolly beschrieb einmal, was Elvis Presley für ihn bedeutete: „Das erste Mal hörte ich ihn 1956. Ich war ein Schuljunge in einer kleinen Stadt in Lancashire. Nichts in der meiner Welt klang so wie er. Damals gab es nicht einmal das Wort 'Teenager'. Wenn man einmal ausgewachsen war, sollte man gefälligst wie eine jüngere Version seiner Eltern aussehen, und auch so denken und sprechen. In jene freudlose, vorsichtige Zeit, wo jeder seinen Platz kannte, schlug Elvis ein wie der Blitz.“

    Die Zeit der späten '50er und frühen '60er Jahre war prüde und verklemmt. Gehorsam gehörte zum Nachkriegs-Deutschland genauso wie die Sittsamkeit. Die Kids hatten ihre Träume und Sehnsüchte, wurden aber nicht (richtig) aufgeklärt. Über die Themen, die sie beschäftigten – Lust und Liebe, Erotik und Sex – tuschelte man nur hinter vorgehaltener Hand. Sex galt als schmutzig – eine Sünde. Das Wort geil gab es damals schon, aber kaum jemand wagte es öffentlich auszusprechen. Da war der Rock'n'Roll eine Offenbarung für die Teenager. Neben Chuck Berry und Elvis Presley, sorgten auch andere Musiker wie Little Richard („Tutti Frutti“, '55), Fats Domino („Blueberry Hill“, '56), Buddy Holly („That'll Be the Day“, '57), Ray Charles („What'd I Say“, '59), Johnny Cash („Ring of Fire“, '63) oder das Autoren-Team Leiber/Stoller („Kansas City“, '52) dafür, dass das Thema Liebe und besonders der Teenager-Liebe mit all seinen Facetten beleuchtet wurden. Die Rock'n'Roll-Welle nahm an Größe zu und überschwemmte langsam aber sicher die ganze (westliche) Welt. Speziell über den amerikanischen Radiosender AFN und den britischen BFN und die in Deutschland stationierten amerikanischen und britischen Soldaten fand die Musik ebenso ihre Verbreitung in der BRD wie durch die Jukebox in den Gaststätten; die Königin dieser Musikautomaten war das abgefahrene amerikanische Modell 'Wurlitzer 1015, Blubber, One More Time'.

    In den ausgehenden '50er Jahren hatten zwei US-amerikanische Musikproduzenten den richtigen Riecher, auch für das neue Jahrzehnt den passenden Soundtrack mit den dazugehörigen Texten für die Heranwachsenden zu produzieren. Berry Gordy aus Detroit mit seinem Motown-Label war der eine. Gordy, selbst ein Schwarzer, produzierte ausschließlich schwarze Musiker. Es war kommerzieller, aber gutgemachter Soul dank origineller Songwriter wie z.B. dem Kreativ-Trio Holland-Dozier-Holland, die hauptsächlich für die Girlie-Group The Supremes arbeiteten. Außerdem gab es in den '60ern noch Smokey Robinson, Martha & the Vandellas, The Temptations, die Four Tops u.a. In den '70ern und später waren es so klangvolle Namen wie Stevie WonderMarvin GayeLionel Richie und Michael Jackson. Der andere Produzent hieß Phil Spector, der in den Gold Star Studios in Hollywood seinen berühmten 'Wall of Sound', einen besonders vollen, bisweilen auch bombastischen Klang kreierte. Das war die erste Pop-Musik, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht so genannt wurde. Einige der großen Spector-Hits waren „Spanish Harlem“ von Ben E. King ('60), „Be My Baby“ und „Baby, I Love You“ von den Ronettes ('63), „You've Lost That Lovin' Feelin'“ von den Righteous Brothers ('65), sowie „River Deep, Mountain High“ von Ike & Tina Turner ('66). Die Liebe lag damals noch nicht „breitbeinig, vergewaltigt im Dreck der Werbeindustrie“, wie Misha Schoeneberg weiß, das passierte erst später, so ab den '70ern. Dafür gab es in Deutschland seit '61 die Antibabypille und noch kein Aids. Die freie Liebe hatte gute Chancen sich zu entfalten. Nicht nur in den USA.

 

    Die 1960er Jahre läuteten ein neues Zeitalter ein: eine Epoche neuen Bewusstseins auf einer Bewusstseinsstufe, die wir heute die sechste beziehungsweise grüne Stufe nennen. Deshalb definieren Bewusstseinsforscher die '60er-Jahre auch als den Beginn der Postmoderne. Kulturell begannen die Sixties mit einer Überraschung. William Shakespeares Tragödie von „Romeo und Julia“ wurde 1957 als West Side Story“-Musical in unsere moderne Zeit transportiert und '61 zum ersten Mal als Film im Kino gezeigt, ein Jahr später auch in Deutschland. Alles was das Leben zu bieten hatte wurde auf der Leinwand gezeigt: Liebe, Drama, Gewalt, Tod, Spannung, Ekstase, Tanz, Humor, Trauer und dazu diese grandiose Musik von Leonard Bernstein.

    Als ein junger britischer Musiker aus Liverpool den Song „Please Please Me“ sang, war der Rock'n'Roll definitiv auch in England angekommen. Allerdings unter neuem Namen: Beat! In dem Song von John Lennon fordert der Sänger sein Mädchen auf: I know you never even try, girl, Come on (come on), Please please me, whoa, yeah, Like I please you – Ich weiß, dass du's auch noch nicht probiert hast. Komm schon, na komm, bitte erfreue mich, oh ja, wie ich dich erfreue. Das war '62 der erste Nummer-Eins-Hit der Beatles, und es sollten noch viele folgen.

    Die vierköpfige Beat-Band The Beatles war vom Rock'n'Roll à la Elvis und Chuck Berry sowie vom Motown-Soul beeinflußt. Ebenso eine andere englische Gruppe, die Rolling Stones, doch sie verschrieben sich mehr den Roots dieser Musik, dem Blues, so wie Muddy Waters, Robert Johnson, Howlin' Wolf oder Willie Dixon ihn spielten. Die musikalischen Ursprünge des Blues lagen im Spiritual, die Musik der schwarzen Sklaven, die von Afrika in den Süden der USA deportiert worden waren. Inbrünstiger Gesang, afrikanische Rhythmen, durchsetzt mit schamanisch-religiöser Ekstase und die ungewohnte Harmonik vermischt mit den liturgischen Gesängen, Psalmen, Hymnen und getragenen Chorälen der weißen christlichen Kultur. Im auslaufenden 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich aus dem Spiritual die geistliche Musik des hoffnungsvollen Gospel und als weltliche Entsprechung der melancholische Blues. Andere musikalische Mischformen dieser und späteren Zeit nennen wir heute Ragtime, Boogie-Woogie, Jazz, Hillbilly, Country & Western, Folk, Rockabilly, Rhythm & Blues, Doo Wop, Funk oder Reggae, vorgetragen von unzähligen großartigen Musikern auf der ganzen Welt. Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stones, unterstreicht die fulminante Bedeutung besonders des Blues für die Rock-Musik sinngemäß mit den Worten: „Es gibt einen Ur-Blues, den haben Adam und Eva komponiert, alles andere sind Variationen.“

    Mit „You Really Got Me“ folgten 1964 The Kinks aus London. Girl, you really got me goin', You got me so I don't know what I'm doin' now, You got me so I can't sleep at night' - 'Mädel, du hast mich echt in Wallung gebracht, Du hast mich so gepackt, ich weiß gar nicht mehr, was ich tue, Du hast mich so erwischt, dass ich nachts nicht mehr schlafen kann. Darüberhinaus inspirierte der Gitarren-Riff des Songs spätere Hard-Rocker, wie Heavy Metal- und Punk-Rock-Gitarristen.

    Der Vietnam-Krieg begann 1955 und wurde von den meisten Menschen in der westlichen Welt akzeptiert; schließlich, galt es den Kommunismus in Südostasien einzudämmen. Erst als sich die USA Mitte der '60er in die Kampfhandlungen einmischte und zusammen mit der Nationalen Befreiungsfront Südvietnams gegen die Demokratische Republik Vietnam im Norden kämpfte und die schrecklichen Kriegsbilder während der allabendlichen TV-Nachrichten in die Wohnzimmer der Menschen übertragen wurde, änderte sich das Bewusstsein in der Bevölkerung. Eine Art des Protestes bestand für Männer darin, die Haare wachsen zu lassen. Der kurzgeschorene Schädel war immer noch das Zeichen für Autoritätshörigkeit und soldatische Disziplin, die langen Haare Zeichen einer ästhetischen Rebellion, die auch das Weiche, Feminine betonten. Auch die rebellierenden Mädels trugen ihr Haar lang, doch der Rocksaum wurde kürzer und rutschte höher Richtung Hüfte.

    Eine andere Art des Protests blieb die Rock-Musik im Jahr 1965: Die Rolling Stones kritisierten mit ihrem legendären „Satisfaction“ die Konsumideologie und damit den Kapitalismus. Song-Poet Bob Dylan schaffte es mit „Like a Rolling Stone“ Poesie und Rock’n’Roll zu verbinden. Er sang über eine eingebildete arrogante Frau aus der Upperclass die obdachlos wird und fragte: How does it feel, To be without a home, Like a complete unknown, like a rolling stone – Wie fühlt sich das an? Ohne Wohnung zu sein, Wie eine vollkommen Unbekannte, Wie eine Entwurzelte? Der Soulsänger Otis Redding thematisierte mit „Respect“ den Umgang zwischen den Geschlechtern – die Coverversion von Aretha Franklin zwei Jahre später wurde zur Hymne der Frauenbewegung. Mit „My Generation“ von The Who wurde es sozial-politisch, leicht verstört-gestottert sangen sie: People try to put us down, Just because we get around, Things they do look awful cold, I hope I die before I get old, Talkin’ ’bout my generation. – Leute wollen uns niedermachen, Bloß weil wir was anders machen, Für sie bleibt alles grau und kalt, Da bin ich lieber tot als alt, Hört her, das ist unsere Zeit! – Das Establishment der BRD nannte solche Menschen damals 'Gammler'.

    Die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen zehn Jahre kulminierten in der Gegenkultur der Hippies. Von San Francisco ausgehend gab es weltumspannend die Flower-Power-Bewegung zwischen 1965 und '71. Rebellion, Spontanität, Enthusiasmus, Kreativität, Träume, Visionen, Utopien – Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche. Das Experimentieren mit psychedelischen Drogen wie LSD war angesagt – Turn on, tune in, drop out! (Timothy Leary)Zieh dir was rein, bring' dich drauf, steig aus! Die veränderten Moralvorstellungen mündeten in der sexuellen Revolution; die freie Liebe – nicht nur die körperliche – begann sich immer mehr zu entfalten. Passend dazu produzierten die Beach Boys mit „Good Vibration“ ('66) eine knapp vierminütige 'Taschensinfonie' in Form einer Vinyl-Single: I'm pickin' up good vibrations, She's giving me the excitations. Gotta keep those lovin' good vibrations a-happenin' with her Ich ergreife die guten Gefühle, die ich bei ihrem Anblick spüre, will diese Schwingung halten, so dass wir uns in Liebe entfalten. Der Protest gegen den Vietnam-Krieg – Make love, not war – mobilisierte Millionen, woraus die '68er-Bewegung' hervorging. Die unterdrückten Afroamerikaner der USA solidarisierten sich in der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Der Aktionskünstler Joseph Beuys thematisierte den Vietnam-Krieg, die NS-Vergangenheit und lehrte 'die radikale freie Selbstbestimmung' – Jeder Mensch ist ein Künstler.

    Der Summer of Love 1967! Eine ganz spezielle, ja fast magische Energie lag in der Luft – ein einzigartiger Spirit. Alles war bunter geworden; eine langhaarige Gegenkultur offenbarte sich „...in fernöstlichen Kleidern, ausgeflippten Lichtshows und visionären Konzertplakaten“ (Mike Evens). Das Thema freie Liebe war allgegenwärtig. Die Rolling Stones sangen „Let’s Spend the Night Together“ und John Lennon mit den Beatles die große Hymne des Jahres: All You Need Is Love. Mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ veröffentlichten die Beatles eines der bedeutendsten Konzept-Alben der Pop-Geschichte als LP. Beatle George Harrison erschuf mit „Within You Without You“ ein neues Genre: die Weltmusik. Am Ende des Jahres feierte das Musical „Hair“ in New York seine Uraufführung, in dem der Vietnam-Krieg kritisiert wurde. Die Schattenseiten dieser Zeit wie Sucht durch Drogenmissbrauch oder Prostitution thematisierten The Velvet Underground auf ihrer düsteren Kult-LP The Velvet Underground & Nico mit dem Bananen-Cover von Andy Warhol.

    Ohne Absprache, unabhängig von einander, brachten zwei der bekanntesten Bands ihrer Zeit Ende August 1968 jede eine Vinyl-Single heraus. „Street Fighting Man“ von den Rolling Stones: Ev'rywhere I hear the sound, Of marching charging feet, boy, 'Cause summer's here and the time is right, For fighting in the street, boy, Well now, what can a poor boy do, Except to sing for a rock n' roll band? 'Cause in sleepy London town, There's just no place for a street fighting man, no. – Überall höre ich den Klang von marschierenden, angreifenden Füßen, Junge, Denn der Sommer ist da und die Zeit ist gut, um auf der Straße zu kämpfen, Junge, Aber was kann ein armer Junge schon tun, Außer in einer Rock & Roll Band zu singen? Denn im verschlafenen London, ist einfach kein Platz für einen Straßenkämpfer, Nein. – „Revolution“ von den Beatles erschien als B-Seite von „Hey Jude“; John Lennon sang seinen Text: You say you want a revolution, Well, you know, We all want to change the world, You tell me that it's evolution, Well, you know, We all want to change the world, But when you talk about destruction, Don't you know that you can count me out, Don't you know it's gonna be, All right. – Du sagst du willst eine Revolution, Nun, du weißt, wir alle wollen die Welt verändern, du sagst mir, dass es Evolution ist, Nun, du weißt, wir alle wollen die Welt verändern, Aber wenn du über Zerstörung sprichst, mußt du wissen, ich bin nicht dabei, Ach weißt du, es wird schon klappen, alles in Ordnung.

    Bevor das Jahrzehnt seinen Hut nahm, gab es noch drei musikalische Highlights. Das aus dem Musical „Hair“ stammende Medley Aquarius“/Let the Sunshine In“ eroberte im März 1969 in der Interpretation der Fifth Dimension die Charts und verbreitete noch einmal die Love & Peace-Message der Hippies. – Der Sommerhit des Jahres hieß im August Oh Happy Day“ von den Edwin Hawkins Singers. Ein Gospelsong – aus den Roots der schwarzen Sklaven entstanden – findet den Weg in den kommerziellen Mainstream der westlichen Welt. Gesungen wurde über den glücklichen Tag, als Jesus meine Sünden wegwusch. – Im September stöhnten und flüsterten Provokateur Serge Gainsbourg und Muse Jane Birkin ins Mikrofon: Je t'aime - moi non plus, Comme un vague irrésolue je vais et je viens entre tes reins, et je me retiens, tu es la vague, moi l'île nue, je te rejoins, oh mon amour, Non! Maitenant, viens! – Ich liebe dich, ich dich auch nicht, Wie eine unentschlossene Welle komme und gehe ich zwischen deinen Lenden, und ich halte mich zurück, du bist die Welle, ich die nackte Insel, ich vereine mich wieder mit dir, oh meine Liebe, Nein! Jetzt, komm! Der Papst als Sittenwächter verklemmter bürgerlicher Sexualmoral und Vertreter des Establishments ließ „Je T'aime...Moi Non Plus“ auf den Index setzen. Der 'Heilige Stuhl' gegen die Subkultur! Paul VI. erreichte zur Freude von Gainsbourg als Vertreter der Hippies und der sexuellen Revolution jedoch genau das Gegenteil: das Duett wurde ein Millionenseller.

 

    Zu Beginn der 1970er Jahre und dem Zerfall des antiautoritären Hippietums – der Kinofilm „Easy Rider deutet dies an wurde die bis dahin vorherrschende Friedfertigkeit von immer größerer Militanzbereitschaft durch Aktionisten aus dem Umfeld der ehemaligen studentischen '68er-Bewegung' abgelöst. 1970/'71 verlor die Bewegung mit dem Tod von Jimi Hendrix („All Along the Watchtower“, '68), Janis Joplin („Me and Bobby McGee“, '69) und Jim Morrison, Sänger der Doors („Light My Fire“, '67), drei ihrer größten Pop-Idole; alle wurden nur 27 Jahre und starben an den Folgen übermäßigen Drogenkonsums. Musikalisch protestierten der Reggae-Musiker Jimmy Cliff („Vietnam“, '69) und der Soul-Sänger Edwin Starr („War“, '70) gegen den immer noch andauernden Vietnam-Krieg. War, What is it good for? Absolutely nothin. – Krieg, Wofür ist der gut? Für absolut nichts. John Lennon, politisch aktiv wie nie zuvor, spielte vor und nach Auflösung der Beatles mit anderen Musikern: „Give Peace a Chance“ ('69), „Power to the People“ ('71) und – für die Frauenbewegung – „Woman Is the Nigger of the World“ ('72) sind drei starke musikalische Statements.

 

    Es ist Ende August 2018. Ich sitze in meinem Skoda Octavia und warte auf meine Tochter. Aus dem Autoradio dröhnt John Fogertys „Rockin' All Over the World“, interpretiert von Status Quo – breitbeinige Gitarristen. Ich drehe lauter. 1977 ging dieser Boogie-Rock-Song um die halbe Welt. Etwas banal, aber geil! Ein Ohrwurm zum Mitsingen. Auch nach über sechzig Jahren wird Rock'n'Roll gespielt. Währenddessen steigen all diese Erinnerungen in mir auf, wie es bereits in den 40er Jahren mit den Hipster und Beatniks angefangen hatte. „Jack Kerouacs ratternde Schreibmaschine ist untrennbar mit den furiosen Pinselstrichen Jackson Pollocks und John Coltranes sich emporschraubenden Sopransaxophon-Chorussen verknüpft, eine Trinität, die den Durchbruch einer neuen Nachkriegs-Gegenkultur verkörpert, die sich offensichtlich nicht auf eine Ausbildung, auf Kunstfertigkeit und bravourösem Üben gründet, sondern auf Schweiß, Unmittelbarkeit und Instinkt“. Dieser Satz (von Howard Cunnell) geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Schweiß, Unmittelbarkeit und Instinkt – das trifft den Kern der Rock-Musik. Oh ja! Die Kulturrevolution des Rock'n'Roll hat tatsächlich stattgefunden. Im Gegensatz zur politischen Revolution. Ich frage mich: Was hat diese Kultur des Ungehorsams an Erfolgen für uns gebracht? Rebellion im Elternhaus, in den Schulen und an den Universitäten; Kritik gegen weltweit wachsende soziale Ungleichheiten. Stichworte wie (antiautoritäre) Kinderläden, Rote bzw. linke Buchläden, Raubdrucke, Bürgerinitiativen, Roter Punkt, Anti AKW, Bewegung 2. Juni, Friedensbewegung, Frauenemanzipation, Befreiungsbewegung für Schwule & Lesben, Hausbesetzungen mit Kritik an „Privateigentum an Grund und Boden“ (Friedrich Engels), Kommuneleben und Wohngemeinschaften fallen mir ein. Dazu die abgefahrene Musik, verrücktes Outfit, die GRÜNEN, die Idee der Nachhaltigkeit. Hab' ich was vergessen?
  
Die '68er-Bewegung' beschränkte sich ja nicht nur auf das eine Jahr 1968 - in den USA und England spricht man deshalb auch von den 'Long Sixties'. Die Bewegung wurde auch die antiautoritäre Bewegung genannt. Ich glaube, das war der Hauptaspekt. Alles wurde kritisch hinterfragt, nicht nur in der Schule, im Kindergarten, an der Uni und in der Familie, auch in der Politik. Früher hieß es einfach: „Halt dein' Schnabel!“, und fertig war man. Wer immer sich in einer höheren oder machtvolleren Position befand, war eben eine Autorität, und Autoritäten hatte man zu akzeptieren, ohne Wenn und Aber. Nun war es an der Zeit, dieser Kultur des patriarchalischen Gehorsams etwas entgegenzusetzen. Ohne Befehlsempfänger hätte es die beiden Weltkriege nicht gegeben. In der zweiten Hälfte der 50er und die ganzen 60er Jahre hindurch – was da kulturell alles passiert ist..., auf jeden Fall mehr als nur verbal-moralische Entrüstungen. Spontan fällt mir noch ein: der Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen und Minderheiten, die Gründung von Organisationen wie Greenpeace und Amnesty International oder von anderen Bewegungen, die für Menschenrechte und Tiefenökologie stehen. Alles Türöffner für positive Entwicklungen. Ach, du mein Schreck, plötzlich erinnere ich mich: ich hab' tatsächlich was vergessen. Ich bin kein Punk-Rocker, aber ich mag Songs wie „The Passenger“ ('77) vom 'Godfather of Punk' Iggy Pop, dessen textliche Stimmung mich an die Rastlosigkeit der Geschichten im Roman „On the Road“ von Jack Kerouac erinnert. Und selbstverständlich gehört der Punk mit zur Kultur-Revolution des Rock'n'Roll.
   

 

    In der ersten Hälfte der 1970er Jahre war die Perfektion und Kommerzialisierung der Rock-Musik auf einem sehr hohen Level – einerseits; andererseits geprägt von einem „Leerlauf überkünstelter musikalischer Ideenlosigkeit“ (Bruckmoser/Wulff). Nach 20 Jahren wurde 1975 der Vietnam-Krieg beendet, mit einer schmachvollen Niederlage der USA. Einen gemeinsamen Protest verschiedener Friedensaktivisten gegen Waffenlobby, Söldner und Schreibtischtäter gab es nicht mehr. Bob Marley veröffentlichte '73 mit seinem Aufruf „Get Up, Stand Up“ – „Erhebt euch, widersetzt euch“ – noch einen großartigen Reggae-Song. Doch eine gewisse Leere breitete sich aus, die vielleicht vorhanden sein muss, damit etwas Neues entstehen kann.

    In dieser Zeit lebten arme Studenten und junge unzufriedene Arbeitslose in New York und London, die einfach wild drauf los spielten, laut und krachend, oft mit schockierenden Texten. Punk! Drei Akkorde und Dosenbier. Der Punk-Rock – und etwas später auch der New Wave – von Bands wie die Ramones („Blitzkrieg Bop“, '76), der Patti Smith Group („Because the Night“, '78) aus New York, die Sex Pistols („Anarchy in the U.K.“, '76) oder The Clash („London Calling“, '79) aus London brachten in der zweiten Hälfe der '70er eine kulturelle Erneuerung. Ähnlich radikal wie die Dadaisten sechzig Jahre zuvor, gingen auch die Punker vor. Beide nutzten den Schock als Mittel zur Aufmerksamkeit. „Der Punk hat den Rock'n'Roll wieder revolutioniert“ (Bommi Baumann). Punk belebte den Kampf der Aussteiger, Hippies und Achtundsechziger gegen reaktionäre Normen und schuf im Kampf für mehr Freiheit eine neue Zeitgeistströmung. Um sich von den Hippies zu unterscheiden, schnitten sich die Punker die Haare kurz, färbten sie bunt, trugen zerschlissene Kleidung und Tätowierungen und schmücken sich mit Sicherheitsnadeln und Rasierklingen. Misha Schoenberg hatte es richtig erkannt, wenn er schreibt, dass „Punk die trotzig-traurige Wut über den Verlust der Hippie-Träume war“, auch wenn viele Punker das nicht wahrhaben wollen.

 

    Eckhart Tolle gelang rückblickend eine tolle Analyse: Die Hippiebewegung, die in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts an der Westküste der Vereinigten Staaten ihren Anfang nahm und sich dann in der ganzen westlichen Welt ausbreitete, entstand durch die Auflehnung vieler junger Leute gegen soziale Archetypen, Rollen und vorgegebene Verhaltensmuster sowie gegen egobegründete Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen. Die jungen Leute weigerten sich, die Rollen zu spielen, die ihnen ihre Eltern und die Gesellschaft aufzwingen wollten. Hinzu kam zeitgleich das Grauen des Vietnam-Krieges, in dem drei Millionen Vietnamesen und mehr als 57.000 junge Amerikaner starben und der den Irrsinn des Systems und das ihm zugrunde liegende Denken aller Welt offen legte. Während in den Fünfzigerjahren die meisten Amerikaner in Denken und Verhalten noch extrem angepasst waren, begannen in den Sechzigern Millionen Menschen, ihre Identifikation mit einer gedachten kollektiven Identität aufzugeben, weil der Irrsinn des Kollektivs so unübersehbar war. Die Hippiebewegung stellte eine Lockerung der bis dahin rigiden Egostrukturen in der Psyche der Menschheit dar. Die Bewegung selbst degenerierte schließlich und ging zu Ende, aber sie hatte eine Öffnung bewirkt, und das nicht nur bei denen, die Teil der Bewegung waren. Dadurch konnte die alte östliche Weisheit und Spiritualität in den Westen gelangen und eine entscheidende Rolle bei der Erweckung des globalen Bewusstseins spielen.

 

    Alles Irdische ist vergänglich – Licht und Schatten bilden eine polare Einheit. Die verrückte Zeit totaler Umwälzung dauerte ein Vierteljahrhundert. Mit dem Auslaufen der 1970er Jahre war die kreative Energie der Hippies, Spontis, Aktivisten und Punker weitgehend erschöpft. Auch wenn lebende Legenden wie die Rolling Stones, Bob Dylan oder Iggy Pop heute immer noch musikalisch aktiv sind, auch wenn Gruppierungen wie Attac, Occupy oder Rainbow Gathering versuchen neue Impulse zu setzten: mit den 1980ern war eine andere, völlig neue Zeitqualität angebrochen; es gab kaum noch große kollektive Träume, noch weniger Visionen und Utopien schon gar nicht. Ein letztes pop-musikalisches Aufbäumen in Form eines radikalen Schülerliedes im Dezember '79 verdanken wir Pink Floyd mit „Another Brick in the Wall“ (Part II), die damit das Schulsystem kritisierten.

    Mit der Uraufführung des Films „Die Saat der Gewalt“ mit dem Soundtrack Rock Around the Clock wurde im März 1955 in New York das Rock'n'Roll-Zeitalter eingeläutet. Im Dezember 1980 geschah in der selben Stadt das Unfassbare: Der dunkle Schatten von Love & Peace kam aus dem kalten Lauf einer Pistole Kaliber 38 und besiegelte das Ende einer Ära. Misha Schoeneberg: „Ich war dankbar für die Zeit, was sollte noch kommen? Ich saß am Strand von Goa, lauschte dem Wind und den Vögeln. 'Und, hast du's gehört? Sie haben gestern John Lennon erschossen!' Ich sah den Sonnenuntergang. Der einst sonnengelbe Strand war getaucht in tiefes Lila, dunkel wie das Meer, und vom Himmel hoch schien es blutendrot zu tropfen. Das war das Finale eines großen Traums. Erst jetzt war das Jahrzehnt zu Ende, eine ganze Zeit fand ihren Schlussakkord in diesem Schuss.“

 

Epilog

Gab es keine Nachgeschichte? Na klar, mit Prince, Michael Jackson, Madonna, U2 und anderen gab es in den 1980ern guten Pop. Und es gab auch weiterhin geile Musik aus der Subkultur mit Tiefgang, wie z.B. von Nirvana („Smells Like Teen Spirit“, '91). . In den 1990er Jahren und später folgte mit Techno, Loveparade und Ecstasy ein Trend – ...feiern bis der Arzt kommt... – über deren kulturpolitische Relevanz man geteilter Meinung sein kann. Der Szene-Kenner Wolfgang Sterneck: „Auch die Loveparade und ihre Entwicklung ist ein Ergebnis der umgebenden soziokulturellen Bedingungen. Und da unterscheidet sie sich grundlegend von den späten Sechziger Jahren, in denen selbst bei betont apolitischen Hippies eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung ein selbstverständliches Ziel war. Bei der Loveparade muss man jedoch lange nach derartigen Zielen suchen […] .“

    Wir leben nach der Milleniumswende in der „Post-Rock-Ära des HipHop und der elektronischen Tanzmusik, in der Sequenzer und Drummaschinen vorherrschen“, wie Jody Rosen es formulierte. Dan Aykroyd sprach als 'Elwood Blues' im Film „Blues Brothers 2000“ in diesem Zusammenhang von „lächerlichen wiederaufbereiteten digital-gesampelten Techno-Grooves, Quasi-Synthie-Rhythmen, Pseudo-Songs von gewalt-geladenem Gangster-Rap, Acid-Pop und albernem, zuckrigem, seelenlosem Kitsch“. Großartige Retro-Songs werden gecovert und mit 'modernen' Arrangements verschlimmbessert. Wie immer man zur heutigen Musik einer zum Teil sinnentleerten No-Future-Generation auch stehen mag – es gibt Menschen, deren Qualitätsanspruch ein anderer ist.

 

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Vielen Dank an Sema Binia, Jens Johler, Uli Mentz,
Angie Olbrich, Ingo Rose, Misha Schoeneberg, Wolfgang Seidel
und Barbara Sichtermann
für Korrekturen, Kritik und Anregungen.

 

 

Quellen
Anonym: Rock and Roll – Eine Revolution? (Bachelorarbeit), München 2010
Dan Aykroyd, John Landis: Blues Brothers 2000, Musikfilm, Kanada/USA 1998
Bommi Baumann: HiHo. Wer nicht weggeht, kommt nicht wieder, Hamburg 1987
Bruce Bruckmoser, Peter Wulff:
Lexikon der Pop- & Rock-Musik, Landshut 1996
Howard Cunnell: Diesmal schnell, in Jack Kerouac: On the Road, Nachworte, Reinbeck 2013
Friedrich Engels: Zur Wohnungsfrage, in K.Marx/F.Engels: Werke, Band 18, Berlin 1969
Mike Evants: Rock'n'Roll, München 2007
R.Heyer, S.Wachs, C.Palentien:
Handbuch Jugend–Musik–Sozialisation, Wiesbaden 2013
Joachim Mohr:
Die 60er Jahre, in Der Spiegel–Geschichte, Hamburg 2016
Robert Palmer:
Rock & Roll, St. Andrä-Wördern 1997
Wilhelm Reich: T
he Murder of Christ, New York 1953 / Christusmord, Olten 1978
Retromania:
http://www.phil.uzh.ch/elearning/blog/retromania/
Jody Rosen: White Christmas, München 2003
Frank Schäfer: Legalisiert Leary! Spiegel Online, Hamburg 2006
Misha G. Schoeneberg: Als Wir das Wunder waren (Manuskript), Berlin 2018
K.Sichtermann, J.Johler, C.Stahl:
Keine Macht für Niemand, Berlin 2000
K.Sichtermann, J.Johler, A.Olbrich:
Vage Sehnsucht, Berlin 2017
Kai Sichtermann (Hrsg.):
Kultsongs & Evergreens, Berlin 2010
Wolfgang Sterneck: Party, Liebe und Profit, Interview im Online-Magazin UB, Zürich 2010
Eckhart Tolle: Eine neue Erde, München 2005


(c) 2018 Kai Sichtermann, Boren


 

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